Einseitenbandmodulation (SSB)
Wie das Streichen eines Seitenbands und des Trägers aus einem AM-Signal die halbe Bandbreite und deutlich mehr Sendeleistung für die Nutzinformation freisetzt.
Einseitenbandmodulation (SSB, Single Sideband) ist eine Verfeinerung der Amplitudenmodulation, die zwei strukturelle Verschwendungen der klassischen AM beseitigt: die Redundanz zwischen den beiden Seitenbändern und die verschenkte Leistung im mitgesendeten Träger.
1. Der Ausgangspunkt: was an AM verschwendet wird
Wie im AM-Artikel hergeleitet, erzeugt die Multiplikation von Basisband- und Trägersignal drei Spektralanteile: Träger, unteres Seitenband (LSB, $f_c - f_b$) und oberes Seitenband (USB, $f_c + f_b$). Zwei Beobachtungen daran sind der Ausgangspunkt für SSB:
SSB entfernt konsequent ein Seitenband und den Träger und sendet nur das verbleibende Seitenband — mit der gesamten verfügbaren Sendeleistung.
2. Herleitung über die Phasenmethode
Ausgangspunkt ist DSB-SC (Double Sideband Suppressed Carrier — AM ohne Trägeranteil $A_0$, reine Multiplikation von Basisband und Träger):
$$s_{\text{DSB}}(t) = m(t)\cos(\omega_c t)$$
Für ein einzelnes Basisbandton $m(t) = \cos(\omega_b t)$ liefert das Additionstheorem exakt die aus der AM bekannten zwei Seitenbänder:
$$m(t)\cos(\omega_c t) = \tfrac{1}{2}\cos\big((\omega_c-\omega_b)t\big) + \tfrac{1}{2}\cos\big((\omega_c+\omega_b)t\big)$$
Der entscheidende Trick der Phasenmethode (Hartley-Modulator): Bildet man zusätzlich die um 90° phasenverschobene Version des Basisbandsignals — seine Hilbert-Transformierte $\hat{m}(t)$ — und mischt sie mit einem ebenfalls um 90° verschobenen Träger, heben sich durch Addition bzw. Subtraktion beider Zweige eines der beiden Seitenbänder exakt auf:
$$s_{\text{USB}}(t) = m(t)\cos(\omega_c t) - \hat{m}(t)\sin(\omega_c t)$$
$$s_{\text{LSB}}(t) = m(t)\cos(\omega_c t) + \hat{m}(t)\sin(\omega_c t)$$
Für $m(t)=\cos(\omega_b t)$ ist $\hat{m}(t) = \sin(\omega_b t)$ (die Hilbert-Transformation verschiebt jede Frequenzkomponente um $-90°$). Eingesetzt und mit dem Additionstheorem zusammengefasst, bleibt von $s_{\text{USB}}(t)$ exakt der Summenterm $\cos\big((\omega_c+\omega_b)t\big)$ übrig — das untere Seitenband verschwindet vollständig, nicht nur näherungsweise.
scipy.signal.hilbert, FFT-Analyse des Ergebnisses): Im USB-Signal ($m(t)\cos(\omega_c t) - \hat m(t)\sin(\omega_c t)$) ist die Spektrallinie beim unteren Seitenband (19 kHz) exakt Null, während die obere (21 kHz) ihre volle Amplitude behält. Beim LSB-Signal (Vorzeichen vertauscht) ist es exakt umgekehrt. Zum Vergleich zeigt das gewöhnliche DSB-SC-Signal beide Seitenbänder mit exakt gleicher Amplitude — die Auslöschung ist also tatsächlich vollständig, kein bloßes Abschwächen.
import numpy as np
from scipy.signal import hilbert
fs, fc, fb = 200_000.0, 20_000.0, 1_000.0
t = np.arange(0, 0.05, 1/fs)
m = np.cos(2*np.pi*fb*t)
m_hat = hilbert(m).imag # Hilbert-Transformierte
s_usb = m*np.cos(2*np.pi*fc*t) - m_hat*np.sin(2*np.pi*fc*t)
s_lsb = m*np.cos(2*np.pi*fc*t) + m_hat*np.sin(2*np.pi*fc*t)
s_dsb = m*np.cos(2*np.pi*fc*t) # zum Vergleich: DSB-SC
# Spektrallinie bei gegebener Frequenz auslesen (Hanning-Fenster, FFT)
def peak_at(sig, freq):
spec = np.abs(np.fft.rfft(sig*np.hanning(len(sig))))
freqs = np.fft.rfftfreq(len(sig), d=1/fs)
return spec[np.argmin(np.abs(freqs-freq))]
for name, sig in [("USB", s_usb), ("LSB", s_lsb), ("DSB-SC", s_dsb)]:
print(name, "unten(19kHz):", round(peak_at(sig, fc-fb), 1),
"oben(21kHz):", round(peak_at(sig, fc+fb), 1))
import numpy as np
from scipy.signal import hilbert
fs, fc, fb = 200_000.0, 20_000.0, 1_000.0
t = np.arange(0, 0.05, 1/fs)
m = np.cos(2*np.pi*fb*t)
m_hat = hilbert(m).imag # Hilbert-Transformierte
s_usb = m*np.cos(2*np.pi*fc*t) - m_hat*np.sin(2*np.pi*fc*t)
s_lsb = m*np.cos(2*np.pi*fc*t) + m_hat*np.sin(2*np.pi*fc*t)
s_dsb = m*np.cos(2*np.pi*fc*t) # zum Vergleich: DSB-SC
# Spektrallinie bei gegebener Frequenz auslesen (Hanning-Fenster, FFT)
def peak_at(sig, freq):
spec = np.abs(np.fft.rfft(sig*np.hanning(len(sig))))
freqs = np.fft.rfftfreq(len(sig), d=1/fs)
return spec[np.argmin(np.abs(freqs-freq))]
for name, sig in [("USB", s_usb), ("LSB", s_lsb), ("DSB-SC", s_dsb)]:
print(name, "unten(19kHz):", round(peak_at(sig, fc-fb), 1),
"oben(21kHz):", round(peak_at(sig, fc+fb), 1))
Ausgabe:
USB unten(19kHz): 0.0 oben(21kHz): 2499.7
LSB unten(19kHz): 2499.7 oben(21kHz): 0.0
DSB-SC unten(19kHz): 1249.9 oben(21kHz): 1249.9
USB unten(19kHz): 0.0 oben(21kHz): 2499.7
LSB unten(19kHz): 2499.7 oben(21kHz): 0.0
DSB-SC unten(19kHz): 1249.9 oben(21kHz): 1249.9
3. Erzeugungsverfahren im Vergleich
| Verfahren | Prinzip | Vorteil | Nachteil |
|---|---|---|---|
| Filtermethode | DSB-SC erzeugen, dann ein Seitenband mit einem steilflankigen Bandpassfilter entfernen | konzeptionell einfach, keine Hilbert-Transformation nötig | erfordert extrem steile Filterflanken direkt an der Trägerfrequenz — praktisch nur handhabbar, wenn das Basisband keine Anteile nahe 0 Hz hat |
| Phasenmethode (Hartley) | Basisband und Träger je einmal direkt und einmal 90°-phasenverschoben mischen, dann addieren/subtrahieren (Abschnitt 2) | keine steilen Filter nötig, funktioniert auch mit Basisbandanteilen nahe 0 Hz | die 90°-Phasenschiebung muss über die gesamte Basisbandbreite präzise sein — in analoger Hardware schwierig, in SDR dagegen einfach per Hilbert-Filter umsetzbar |
| Weaver-Methode | zweistufige Quadraturmischung über eine niedrige Zwischenfrequenz, vermeidet sowohl steile Filter als auch breitbandige Phasenschieber | robustestes klassisches Analogverfahren | am aufwendigsten in der Beschreibung, in der Praxis aber die verbreitetste analoge SSB-Erzeugung |
In der SDR-Praxis ist die Phasenmethode die naheliegendste Wahl: Ein per FIR-Filter näherungsweise umgesetztes Hilbert-Filter liefert $\hat{m}(t)$ direkt aus dem digitalen Basisbandsignal, ohne die analogen Präzisionsprobleme, die diese Methode historisch unattraktiv machten.
4. Bandbreiten- und Leistungsbilanz
Bandbreite: SSB benötigt nur die Basisbandbreite $B$ selbst, statt der $2B$ von AM/DSB — halbe Bandbreite für dieselbe Sprachverständlichkeit.
Leistung: Für einen 100 % modulierten AM-Träger ($m=1$) verteilt sich die Sendeleistung im Verhältnis Träger : Seitenbänder $= 1 : \tfrac{m^2}{2} = 1 : 0{,}5$, macht also insgesamt $1{,}5,P_c$. Davon entfallen:
| Anteil | Anteil an Gesamtleistung |
|---|---|
| Träger | $1/1{,}5 \approx 66{,}7,%$ |
| beide Seitenbänder zusammen | $0{,}5/1{,}5 \approx 33{,}3,%$ |
| ein einzelnes Seitenband | $0{,}25/1{,}5 \approx 16{,}7,%$ |
Ein AM-Sender steckt bei voller Modulation also nur etwa ein Sechstel seiner Sendeleistung in das Signal, das ein SSB-Empfänger überhaupt auswertet — der Rest ist Träger (nutzlos für die Information) und das redundante zweite Seitenband. Ein SSB-Sender gleicher Endstufenleistung kann die gesamte Leistung in genau dieses eine Seitenband stecken — ein Effizienzgewinn, der bei gleicher Sendeleistung deutlich mehr Reichweite bzw. bei gleicher geforderter Reichweite deutlich weniger Sendeleistung bedeutet.
5. Demodulation
Da kein Träger mehr gesendet wird, hat das SSB-Signal keine Hüllkurve, die proportional zum Basisbandsignal wäre — ein einfacher Hüllkurvendetektor (Diode) versagt hier grundlegend, anders als bei AM. Notwendig ist stattdessen eine kohärente (synchrone) Demodulation: Das empfangene Signal wird mit einem lokal erzeugten Referenzträger passender Frequenz multipliziert (siehe Trägerrekonstruktion), wodurch das Basisband wieder ins Basisband zurückgemischt wird.
6. Praktischer Einsatz
Amateurfunk (Kurzwelle): SSB ist der Standard-Sprechfunkmodus auf Kurzwelle, weil die Kombination aus halbierter Bandbreite und voller Leistungsnutzung bei den dort üblichen, leistungsbegrenzten Stationen die erzielbare Reichweite deutlich erhöht.
Seefunk und Flugfunk: Aus denselben Effizienzgründen historisch der bevorzugte Modus für Langstrecken-Sprechfunk über HF, bevor Satellitenkommunikation diese Anwendungen zunehmend ablöste.
Analoges Frequenzmultiplex (FDM): In der klassischen Fernmeldetechnik wurden viele Telefonkanäle durch SSB-Modulation auf eng benachbarte Trägerfrequenzen (typischerweise 4 kHz Kanalabstand) gepackt und gemeinsam über eine einzige Trägerfrequenzleitung übertragen — die Bandbreiteneffizienz von SSB war hier direkt die Anzahl gleichzeitig übertragbarer Gespräche.
7. Grenzen
- Empfängerkomplexität: Kohärente Demodulation erfordert einen präzise nachgeführten Referenzträger — deutlich aufwendiger als der einfache Hüllkurvendetektor der klassischen AM.
- Frequenzstabilität auf Senderseite: Da der Empfänger keinen mitgesendeten Träger zur Referenz hat, muss der Sender selbst hinreichend frequenzstabil sein, damit der empfängerseitig erzeugte Referenzträger nicht zu weit danebenliegt.
- Kein triviales Downgrade auf einfache Empfänger: Anders als AM lässt sich ein SSB-Signal nicht mit einem einfachen, unveränderten AM-Rundfunkempfänger sinnvoll empfangen — SSB setzt einen dediziert dafür ausgelegten Empfänger voraus.
Amplitudenmodulation (AM)
Der Ausgangspunkt, von dem SSB Träger und ein Seitenband entfernt.
Trägerrekonstruktion
Wie ein Empfänger ohne mitgesendeten Träger trotzdem einen passenden Referenzträger erzeugt.
Carson-Bandbreite
Die Bandbreitenformel für Winkelmodulation — der Kontrastfall zur bandbreiteneffizienten SSB.