IQ-Signale und Zeigerdarstellung

Wie aus einer rotierenden komplexen Zahl reale Funksignale entstehen.

Eine harmonische Schwingung ist der Ausgangspunkt fĂŒr das VerstĂ€ndnis komplexer Signale im SDR (Software Defined Radio). Betrachten wir eine klassische sinus- oder cosinusförmige Welle, wird sie durch drei Komponenten definiert:

  1. Amplitude $M$: Der Spitzenwert (Scheitelwert) der Schwingung.
  2. Frequenz $f$: Meist als Kreisfrequenz $\omega = 2\pi f$ ausgedrĂŒckt.
  3. Phase $\phi$: Die zeitliche Verschiebung zum Startpunkt.

Betrag und Phase in der komplexen Ebene

Die Eulersche Formel als BrĂŒcke

In der analogen Welt messen wir Signale als reine reelle Spannungen ĂŒber die Zeit. In der digitalen Signalverarbeitung (DSP) nutzen wir jedoch die fundamentale Eulersche Formel, um ein Signal als rotierenden Zeiger im komplexen Raum darzustellen:

$$e^{j\theta} = \cos(\theta) + j \cdot \sin(\theta)$$

Wenn wir diesen Zeiger mit der Kreisfrequenz $\omega$ rotieren lassen, erhalten wir ein komplexes Signal:

$$M \cdot e^{j(\omega t + \phi)} = M \cdot e^{j\phi} \cdot e^{j\omega t}$$

Der Term $M \cdot e^{j\phi}$ beschreibt den Zustand des Signals zum Startzeitpunkt ($t=0$). Und genau hier kommt die IQ-Darstellung ins Spiel: Wir können diesen statischen Zeiger in der komplexen Ebene genau wie jede andere komplexe Zahl in zwei rechtwinklige Komponenten zerlegen:

$$z = I + j \cdot Q$$

  • I (In-Phase): Der Realteil des Signalzeigers ($I = M \cdot \cos(\phi)$).
  • Q (Quadratur): Der ImaginĂ€rteil des Signalzeigers ($Q = M \cdot \sin(\phi)$), der um exakt $90^\circ$ phasenverschoben (in Quadratur) zum I-Signal steht.

Eine phasenverschobene Cosinusschwingung lĂ€sst sich somit mathematisch elegant ausdrĂŒcken als:

$$M \cdot \cos(\omega t + \phi) = I \cdot \cos(\omega t) - Q \cdot \sin(\omega t)$$

Warum machen wir das im SDR?

Durch die Aufteilung eines Signals in einen $I$- und einen $Q$-Wert pro Abtastpunkt (Sample) kann Software mathematisch extrem einfach die aktuelle Amplitude (Magnitude) und die Phase berechnen, ohne den zeitlichen Verlauf abwarten zu mĂŒssen. In SDR-Software wie GNU Radio gibt es dafĂŒr dedizierte Blöcke (z. B. Complex to Mag), die im Hintergrund genau diese Transformationen berechnen.

Das ist kein rein theoretisches Konstrukt: Der A/D-Wandler eines SDR-EmpfĂ€ngers liefert pro Sample tatsĂ€chlich zwei Werte zurĂŒck — den ersten fĂŒr die In-Phase-Komponente $I$, den zweiten fĂŒr die Quadratur-Komponente $Q$. Jedes Sample, das aus der Hardware kommt, ist damit bereits ein fertiger IQ-Wert.

Amplituden- und Phasenmodulation durch I/Q

VerĂ€ndert man die BetrĂ€ge von $I$ und $Q$, verĂ€ndert sich das resultierende Signal auf unterschiedliche Weise — je nachdem, ob beide Komponenten gleich oder unterschiedlich skaliert werden:

GleichmĂ€ĂŸige VerĂ€nderung von $I$ und $Q$ um denselben Faktor $n$ Ă€ndert nur die Amplitude des resultierenden Signals, nicht seine Phase. Das Ergebnis ist eine Amplitudenmodulation.

GleichmĂ€ĂŸige VerĂ€nderung von I und Q fĂŒhrt zu Amplitudenmodulation

Unterschiedliche VerĂ€nderung von $I$ und $Q$ verschiebt dagegen die Phase des resultierenden Signals — das Ergebnis ist eine Phasenmodulation.

Unterschiedliche VerĂ€nderung von I und Q fĂŒhrt zu Phasenmodulation

FĂŒr eine reine Amplitudenmodulation (AM) wĂ€re die $Q$-Komponente also gar nicht zwingend nötig. Bei komplexeren Modulationsverfahren wie QAM oder QPSK werden $I$ und $Q$ jedoch unabhĂ€ngig voneinander genutzt, um Informationen zu codieren. Durch die Kombination von Amplituden- und Phasenmodulation lassen sich so zwei Informationen gleichzeitig und orthogonal — also ohne sich gegenseitig zu stören — in einem Signal ĂŒbertragen.

Constellation- und Vektordarstellung

IQ-Werte lassen sich im sogenannten Constellation-Diagramm darstellen: FĂŒr jeden Sample-Zeitpunkt wird der komplexe Wert $I + jQ$ als Punkt in der komplexen Ebene eingezeichnet. Bei digital modulierten Signalen ergeben sich dabei diskrete, durch Rauschen leicht verschmierte Punktwolken an den möglichen SymbolzustĂ€nden — bei analogen Signalen wandert der Punkt dagegen kontinuierlich.

Verbindet man die aufeinanderfolgenden Punkte zusÀtzlich mit Linien, erhÀlt man ein Vektordiagramm, das zusÀtzlich zeigt, in welcher Reihenfolge die ZustÀnde durchlaufen werden.

Constellation- und Vektordiagramm

Vektordiagramm mit verbundenen SymbolzustÀnden

Eine ausfĂŒhrlichere Behandlung der zugehörigen GNU-Radio-Blöcke findet sich im Artikel Constellation-Blöcke.